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"Gedanken zur Studien- und Berufswahlorientierung ... oder vom Finden des richtigen Weges" - einst geschrieben auf dinkela.de zum Mittelstufenpraktikum im G-Zweig und der Oberstufe - hat aber Gültigkeit für alle anderen Praktika auch.

"Wenn ich mal groß bin, dann werde ich Feuerwehrmann". So geht es los. Das sind die ersten Helden der Kindheitswahrnehmung, dann der Astronaut, die Prima-Ballerina, der Popstar oder wenn nicht Astronaut, dann vielleicht Pilot und noch bevor man es merkt - in diesem zarten unschuldigen Kindesalter - werden die ersten Kompromisse eingegangen.

"Was soll ich werden und was lässt man mich werden? Lohnt es, dem Traum nachzueilen oder sollte man bescheidener sein? "Ich würde gerne Psychologin werden aber ich habe gehört, dass man an der Uni dann viel Statistik macht und mit Zahlen habe ich es eher nicht so; das meint zumindest mein Mathelehrer." Darf man nach einem Traum streben oder sollte man Realist sein und was bedeutet das im Einzelnen für mich? Das ist alles nicht so einfach zu beantworten, wichtig ist aber, dass man so früh wie möglich mit dem Fragen beginnt.

Zwei Berufspraktika gibt es bei uns an der Schule im gymnasialen Bildungsgang. Beim ersten Praktikum ist noch alles ganz aufregend, es ist der erste Kontakt zur Arbeitswelt, von der man noch sehr weit entfernt ist. Man kann etwas ausprobieren. Dies ist das Praktikum, das vielleicht dem Traum noch ganz nah ist. Mit dem Oberstufenpraktikum rückt das Arbeitsleben schon näher und mit diesem Arbeitsleben die Gewissheit, dass man schon bald Entscheidungen von großer Tragweite treffen muss und schlagartig rückt etwas Lähmendes in das Bewusstsein. Vielleicht Angst? Es scheint die Angst vor der Notwendigkeit zu sein, die nach der Schule auf euch wartet - "Schluss mit dem Quatsch, jetzt wird Geld verdient!".

Zwei Jahre lang wurde auf das Abitur hingearbeitet, eine Klausurenrunde jagte die nächste, all die Prüfungen, die Bewertungen, das Punktezählen. Hier und da gab es diese Parties, die kurz vergessen ließen aber dann wurde es doch immer wieder ernst und zu allem Überfluß soll man sich auch noch Gedanken um die berufliche Zukunft machen. Wo bleibt das Durchatmen?

Darüber hinaus sind die Prognosen schlecht. Alarmierende Arbeitslosenzahlen, selbst mit einem akademischen Abschluss keine Garantie auf bezahlte Arbeit, dafür unbezahlte Praktika, wie an der Schule, wo ist die Weiterentwicklung? Kann man so leben und wozu dann noch studieren? Kostet ja eh nur Geld, wer kann sich das noch leisten, meinen Traum leben? Träum weiter!

Ganz normale Gedanken, die man sich macht, wenn mal so über über Zukunft ins Grübeln gerät. Doch welche Schlussfolgerung sollte man aus ihnen ableiten? Liegt es angesichts vorhandener Unsicherheit nahe, nicht zu planen?

Einen Plan zu machen, bedeutet nicht, hier und jetzt eine Entscheidung für das weitere Leben zu treffen, die unwiderruflich ist. Ich selbst habe das Leben nie als eine Straße begriffen, so wie die auf dem Bild oben, sondern als ein Schienennetz mit vielen Weichen. Jede Weiche bedeutet einen richtungsweisenden Anstoß, den man ganz allein für sich selbst auslösen sollte. Manchmal kommen sie auch von außen und eines ist klar: man kann Fehler nicht ausschließen, das Leben ist nicht frei von Reue aber vor der Weiche stehen zu bleiben, kann unmöglich die richtige Option sein. Das Leben geht weiter seinen Gang und man sollte die größtmögliche Kontrolle über dessen Verlauf gewinnen.

Bei allem Mut zum Aktionismus. Eines liegt auf der Hand. Man hat heute immer weniger Zeit dazu, sich auszuprobieren und Wege zu testen, bevor man sie endgültig einschlägt. Früher hatte man noch die Gelegenheit, erst einmal ein Studium zu beginnen, weil einem nichts Besseres einfiel. Dann, nach vierzehn Semstern Kunsthistorik fiel einem immer noch nichts ein, weil man komplett am Arbeitsmarkt vorbei studiert hatte. Da half nicht das Auslandssemester in Florenz und auch nicht die drei Fremdsprachen, die man gelernt hatte. Dann ging man nach Berlin, weil man als arbeitsloser Feingeist dort im hippen Kreuzberg in bester Gesellschaft lebte und so langsam war man über 30 und schon bald war ein solches Leben nicht mehr cool.

Ärgerlicher wäre dies jedoch gewesen, hätte man noch für vierzehn Semster an der Universität Studiengebühren zahlen müssen und daher ist heute mehr als gestern eine sorgfältige Planung angeraten. Und auch Träume kann man planen.

 

Das man sich gar nicht mehr ausprobieren kann, ist nicht völlig richtig, nur muss der Start für das Ausprobieren früher eingeläutet werden. Ich sage meinen Schülern mit dem Abschluss des Betriebspraktikums in der 9. Klasse: Wenn es euch gefallen hat, dann könnt ihr das jetzt immer mal wieder in euren Ferien machen. Verdutztes Schweigen: Immer mal wieder ohne Lohn arbeiten? Ja, sicher! Es hat den meisten wirklich gefallen und wenn man sich einen interessanten Bereich aussucht, so kann man so manche Ferien, in denen man sonst nur abgehangen hätte, sinnvoll nutzen und Erfahrungen sammeln. Erfahrungen sind der Lohn und dieser Lohn kann durchaus eingelöst werden.

Mit all diesen Erfahrungen wächst und wächst euer Lebenslauf, an dem ihr mit Beginn eurer beruflichen Aktivitäten stetig arbeiten solltet. Es gibt Menschen, die haben sich dies während der Schulzeit und im Studium regelrecht zum Sport gemacht- und natürlich sollte der Lebenslauf möglichst lückenlos und gut frisiert sein. Mit jedem Praktikum gibt es mehr Erfahrungen und mit den Erfahrungen steigt ihr einen Level höher, wo die etwas besseren, beliebteren oder schwerer zugänglichen Praktikumsstellen auf euch warten: bei der Zeitung, beim Rundfunk, ... .

Man muss hier mitunter strategisch vorgehen. Bevor man das erste Mal beim Hessichen Rundfunk unterkommt, sollte man vielleicht zwei Mal beim lokalen Tagesblatt in der Redaktion tätig gewesen sein. Dies muss aber nicht so sein, weshalb man es freilich auch beim ersten Mal auf eine Bewerbung beim Hessichen Rundfunk ankommen lassen kann.

Es entspricht meiner festen Überzeugung, dass man seiner Jugend nicht den spielerischen Charme nimmt, wenn man sich so früh wie möglich einen Lebenslauf gestaltet und Spaß daran gewinnt, diesen Schritt für Schritt zu optimieren: Berufserfahrungen sammeln, Sprachen lernen, Computerkenntnisse erwerben, soziale Kompetenzen aneignen, sich in Vereinen engagieren. Der Ausgangspunkt dafür sollte euer Traum sein, dem ihr noch ganz ungezwungen folgen könnt

Stelle dir die Frage, was du wohl brauchst, um deinem Traumjob Schritt für Schritt näher zu kommen und werde dir darüber klar, welche Erfahrungen du machen möchtest. Deine Eltern aber auch dein Fach- oder Klassenlehrer helfen dir dabei.

Olaf W. Dinkela
Quelle: www.dinkela.de

 

 

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