Aus dem Gießener Anzeiger vom 06.05.2016

"Geht unter die Haut!"

VERNISSAGE zum Thema Flucht im Rathaus war eine Zusammenarbeit der Ricarda-Huch-Schule und des Integrationsbüros der Stadt Gießen.

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Antonia Mattern und Lea Wilhelm aus der 11. Klasse vor ihrem Kunstwerk "Entering Europe", der
Nachbildung eines Pressefotos in Ton. Bildquelle: Altmüller

GIESSEN - (fsa). „Ich bin sehr beeindruckt vom Einfühlungsvermögen der Schüler“, sagte Kunstlehrerin Katharina Schreiber bei der Eröffnung der Ausstellung „Flucht“. „Mir ist kein Schüler begegnet, der Flüchtlingen ablehnend gegenübersteht.“

Die Vernissage im Rathaus war eine Zusammenarbeit der Ricarda-Huch-Schule und des Integrationsbüros der Stadt Gießen. Für das Projekt setzten sich Schüler verschiedener Jahrgänge künstlerisch mit dem Thema Flucht auseinander. Es entstanden Plastiken, Bilder und Filme. Die Bilder sind bis April kommenden Jahres im Rathaus am Berliner Platz zu sehen.

Schüler der siebten Klassen haben Stillleben von den Dingen gezeichnet, die sie mit auf eine Flucht nehmen würden. Kuscheltiere, die sie an ihre Kindheit erinnern, Handys, um mit ihren Familien zu kommunizieren, falls sie diese auf der Flucht verlieren, außerdem Geld, Lebensmittel und Getränke. Eine Schülerin zeichnete auch ihre E-Gitarre und ihre lebende Schneckensammlung dazu. Inspiriert wurden sie durch Fotos in der Zeitschrift „Der Spiegel“, welche, auf dem Boden ausgebreitet, die Gegenstände zeigen, die Flüchtlinge auf ihrem Weg bei sich tragen.


Lea Sommers Bild einer Hand soll "die Suche nach Hilfe" symbolisieren. Bildquelle: Altmüller

Auf Initiative der Politiklehrerin Lusaper Witteck drehten Schüler der neunten, zehnten und zwölften Klasse einen Film in Zusammenarbeit mit Marco Kessler von Mediashots. Er zeigt Interviews mit einem Pfarrer, einem Flüchtling aus Afghanistan, einem Sozialarbeiter, dem ehemaligen Marburger Oberbürgermeister Egon Vaupel und Helge Braun, Staatsminister bei der Bundeskanzlerin.

Dankbarkeit

Witteck erklärte, die Schüler hörten in den Medien viel Positives und Negatives über die Flüchtlingsthematik. „Sie nehmen unsere Gesellschaft als zerrissen wahr.“ Der Film wolle zeigen, dass sich viele in der Gesellschaft engagierten und positiv zusammenwirkten. Vaupel erzählte im Interview, dass er mehrmals pro Woche in die Gießener Erstaufnahmeeinrichtung gehe. „Dort habe ich ein Stück Familiengeschichte mitbekommen.“ Erst das erste eine Baby einer Familie, dann das zweite. Die Dankbarkeit der Menschen rühre ihn. Der Flüchtling lobte: „Ich hatte tolle Mitbewohner und Betreuer, die mir geholfen haben, Deutsch zu lernen.“

Einen Film drehte auch Tim Robert Groll aus der 11. Klasse, gemeinsam mit seinem Freund Marc Roispich. Kameras, die aus der Ich-Perspektive filmen, sollen den Zuschauer dazu anregen, sich in einen Flüchtling hineinzuversetzen, der über ein verlassenes Grundstück läuft und durch eine einsame Landschaft Fahrrad fährt. Antonia Mattern und Lea Wilhelm aus dem elften Jahrgang haben ein Pressefoto von einem umgekippten Flüchtlingsboot mit Tonfiguren nachgestellt.

Im Unterricht erzählte ihnen ein Syrer von seiner Fluchtgeschichte. In einem Wald wurde er niedergeschlagen, seiner Tochter, einem Säugling, die Pistole an den Kopf gehalten. „Ich kann mir gar nicht vorstellen, so etwas zu erleben“, sagte Lea Wilhelm, „und ich wünsche es keinem.“

„Das ist einem schon unter die Haut gegangen“, sagte ihr Mitschüler Mario Rinn. „Wenn man so etwas persönlich erzählt bekommt, ist es noch mal etwas anderes.“ Rinn hat ein Bild von einem Grenzsoldaten gemalt. „Ich finde es traurig, dass in Europa die meisten Grenzen zugemacht werden und dass es dort auch noch bewaffnete Soldaten gibt.“

Schuldezernentin Astrid Eibelshäuser sagte bei der Vernissage, dass so viele Flüchtlinge in Gießen wohnten, sei eine große Chance. „Sucht die Begegnung mit den Geflüchteten und lernt sie kennen“, forderte sie die Schüler auf.

© RHS Giessen 2008