Giessener Anzeiger vom 10.11.2005

"Unbedingtes Eintreten für die Grundrechte"

Stadt gedenkt Opfer der Pogromnacht vom 9. November 1938 - Schüler der Ricarda-Huch-Schule lesen Texte

Trialog der Kulturen

 

Bildquelle: Privat / B. Itzerott

GIESSEN (tt). "Juden müssen in dieser Stadt in Sicherheit leben können", mahnte Dieter Steil von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit an der Stelle, wo von 1869 bis 1939 eine der drei Gießener Synagogen stand. Mehr als 100 Menschen, darunter Vertreter von Parteien, Kirchen sowie der Universität, waren am Abend an der Gedenkatafel in der Südanlage zusammengekommen, um den Opfern der Pogromnacht vom 9. November 1938 zu gedenken. Steil erinnerte daran, dass die westliche Christenheit viele Jahre gefangen gewesen sei in einem Antijudaismus. Zugleich forderte er ein "unbedingtes Eintreten für die Grundrechte. Arbeiten wir daran, uns besser kennenzulernen".

Schüler verschiedener Nationalitäten der Jahrgangsstufen 10 bis 13 der Ricarda-Huch-Schule lasen im Rahmen des von der Quandt-Stiftung ausgeschriebenen Wettbewerbs "Schulen im Trialog - Europäische Identität und kultureller Pluralismus" Texte unter anderem von Pastor Martin Niemöller, Primo Levi und Hilda Stern Cohen. Das Projekt soll zu einem besseren gegenseitigen Verständnis von Christentum, Judentum und Islam beitragen.

Dekan Frank-Tilo Becher und sein katholischer Kollege Januarius Mäurer zitierten Passagen aus Psalm 74, der Heiligen Schrift für Juden und Christen. Oberbürgermeister Heinz-Peter Haumann formulierte: "Die nationalsozialistische Barbarei ist in ihrem Tun mit nichts zu vergleichen." Mit Blick auf die Jüdische Gemeinde in Gießen bemerkte der Rathauschef: "Dort ist aus kleinen Anfängen heraus etwas Großartiges entstanden." Friedlich verlief nach Angaben der Polizei eine Demonstration des "Bündnisses gegen Rechts", die unter anderem am Haus der Burschenschaft Dresdensia Rugia und der Skulptur der Trauernden Witwe an der Licher Gabel vorbeiführte.

 

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