Giessener Anzeiger, 31.03.2006

"Provokative Zuspitzung ist der Sinn von Karikaturen"

Sabine Mannitz von der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung referierte vor Schülern der Jahrgangsstufen 11 und 12 der Ricarda-Huch-Schule

Trialog der Kulturen

 

Interessiert hören die Schüler der Ricarda-Huch-Schule den Ausführungen von Sabine Mannitz zu.

Bildquelle: Maywald

GIESSEN (fm). "Provokative Zuspitzung ist der Sinn von Karikaturen", sagte Dr. Sabine Mannitz von der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK) beim "Expertengespräch" vor Schülern aus den Jahrgangsstufen 11 und 12 in der Ricarda-Huch-Schule (RHS). Doch das Ausmaß der Eskalation bei dem aktuellen und weltweiten Karikaturenstreit habe "mit der politischen Untätigkeit zu tun".

Als Teilnehmerschule an dem von der Herbert-Quandt-Stiftung ausgeschriebenen Wettbewerb "Schulen im Trialog - Europäische Identität und kultureller Pluralismus" versucht die RHS zusammen mit Eltern und anderen Institutionen seit 2005 durch zahlreiche Aktivitäten, Projekte und kulturelle Veranstaltungen unter Schülern und Lehrern das Wissen über die Lebenswelten von Judentum, Christentum und Islam vertiefen.

Als Vorbereitung auf die gestrige Begegnung mit der "hochkarätigen Mitarbeiterin der HSFK" (so der stellvertretende Schulleiter Werner Nissel in seiner Begrüßung) hatten die Klasse 11 b und ein Grundkurs 12 im Fach Politik und Wirtschaft einen Fragenkatalog erarbeitet. Unterstützt von den RHS-Lehrkräften Sylvia Jentsch-Dauzenroth, Brigitte Itzerott und Michael Meyer waren zu den Themen Islam, Dänemark, Medien sowie Meinungs- und Religionsfreiheit rund zwei Dutzend Fragen zusammengetragen worden, die eine intensive Befassung mit dem Karikaturenstreit voraussetzten.

Ein "sehr komplexes Ursachenbündel" war laut Mannitz der Auslöser des Karikaturenstreits. Eindringlich warnte sie die Schüler vor schnellen Antworten, wie sie in dem Schlagwort "Kampf der Kulturen" zum Ausdruck kämen. Unbestreitbar habe die "Medienmacht" zu der globalen Eskalation des in Dänemark als "bewusste Provokation" begonnenen Streits beigetragen. Dass die angefachte Entrüstung in manchen islamischen Ländern auf "fruchtbaren Boden" gefallen sei, hänge damit zusammen, dass autoritäre Regime wie Syrien von der innenpolitischen Opposition ablenken wollten. Begriffe wie "Volkszorn" oder "spontane Demonstrationen" sollten immer kritisch hinterfragt werden. Eine Aussage wie "Die Muslime in aller Welt sind tödlich beleidigt" passe in gängige Klischees, verschweige aber, dass es in Ländern wie Ägypten und Jordanien auch deeskalierende Maßnahmen gegeben habe. In Marokko, Libyen und den reichen Golfstaaten habe es "überhaupt keine Proteste" gegeben. Vor diesem uneinheitlichen Hintergrundbild hätten die Medien aus eigenem Interesse die Eskalation um den Karikaturenstreit "bewusst angezettelt".

In der von Andreas Riemer (Stufe 11) und Manuel Fatia (12) geleiteten Diskussion wurden viele Fragen zum Thema Pressefreiheit erörtert. Laut Mannitz gibt es dafür "keine goldene Regel". Stets müsse der Einzelfall im Mittelpunkt stehen. "Man muss riskieren, dass es zu Skandalen kommt, die dann rechtliche Konsequenzen haben müssen." Eine Demokratie brauche ein gewisses Maß an Dissens als Grundlage für einen fairen Streit.

Am Ende zeigte sich Mannitz beeindruckt von dem breiten Spektrum der Schüler-Fragen und freute sich über den offenen und direkten Meinungsaustausch mit den Jugendlichen. Als ein wichtiges Fazit lasse sich sagen, dass es unterschiedliche islamische Staaten mit unterschiedlichen Traditionen gebe, dass einige von ihnen eine Säkularisierung innerhalb ihres Glaubens herbeisehnen und dass die in der Diaspora lebenden Muslime sich teilweise "von ihren Gemeinden wegbewegen" und den Islam ganz individuell handhaben.

 

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