Gießener Anzeiger, Stadt Gießen 06.04.2006

"Das ist, als wolle man Gießen von Euch befreien"

Autor Ghazi Abdel-Qadir zu Gast an Ricarda-Huch-Schule

Trialog der Kulturen

 

Der deutsch-palästinensische Jugendbuchautor Ghazi Abdel-Qadir war zu Gast an der Ricarda-Huch-Schule.

GIESSEN (rsw). Der deutsch-palästinensische Jugendbuchautor Ghazi Abdel-Qadir las seine Texte den Schülern der Ricarda-Huch-Schule nicht vor, er erzählte sie frei und untermalte sie derart lebhaft mit Gestik und Mimik, dass die Zuhörer sich wie in einer Einmann-Theateraufführung fühlen konnten. Davon, dass seine Worte, mit Ausnahme eingeschobener und als solcher gekennzeichneter Einschübe und mancher Seitenhiebe auf Fremdenfeindlichkeit und Rassismus auch in Deutschland, nicht vom gedruckten Originaltext abwichen, konnten sich Schüler in der ersten Reihe überzeugen, denen er kurzerhand sein Buch "zum Mitlesen" in die Hand drückte.

Die Schüler des Jahrgangs 11, die die beiden Lesungen im Rahmen ihrer intensiven Arbeit am "Trialog der Kulturen" besuchten, dankten es ihm mit gebannter Aufmerksamkeit und lebhafter Teilnahme, wenn sie aufgefordert wurden, eine Szene "weiter zu spinnen". Abdel-Qadir hat in seinem Buch "Mustafa und der Bauchladen" autobiographische Erlebnisse aus seiner eigenen Jugend verarbeitet. Die Klasse 11 kenne er, der in Jordanien nachträglich das Abitur ablegte, nicht, erklärte er den Schülern. Denn bevor er diese erreichte, habe man ihn, der aus Furcht vor den Schlägen des Lehrers der "Streber der Klasse" gewesen sei, von der Schule "geschmissen", weil er sich den benötigten Bleistift, geschweige denn die übrige Schulausstattung, nicht leisten konnte.

Ganz nebenbei erfahren die Zuhörer etwas über die Armut in Abdel-Qadirs palästinensischer Heimat, das Land in dem laut Bibel "Milch und Honig fließen". Im Fortgang der Erzählung, nach der abenteuerlichen Reise des Jungen nach Kuweit, werden die krassen Unterschiede zwischen Reich und Arm deutlich. Immer wieder klang bei Abdel-Qadir die Trauer über den Verlust der palästinensischen Heimat an. Er komme aus einem Land, das alle "Das Heilige Land" nennen, stellte er sich den Zuhörern vor, und "alle wollen es haben". "Seit Adam und Eva" lebten in diesem Land Menschen verschiedener Religionen und immer habe es Auseinandersetzungen gegeben. Schon die Kreuzfahrer wollten das Heilige Land befreien. "Aber wovon? Von seinen Einwohnern! Und das ist, als wolle man Gießen von Euch befreien," wendet er sich direkt an die Schüler, die sich zur Zeit im Geschichtsunterricht mit dem Thema "Kreuzzüge aus interreligiöser Sicht" beschäftigen.

Michael Meyer und Brigitte Itzerott hatten die Veranstaltung als Teil einer interkulturellen Lesereihe geplant und organisiert.

 

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